Stolz reckt die Hanauer Jugendstilvilla in der Lamboystraße 52 ihr Dach in den Himmel. Seit dem 1. Oktober mausert sich das historische Gebäude, dem Kenner den Stempel „neo-barock“ aufdrücken würden, unter der Regie des Behinderten-Werk Main-Kinzig e.V. (BWMK) zu einem neuen Ort von Beisammensein und Kommunikation.
Die großzügige Villa aus dem Jahr 1908 war Offizierscasino für deutsche und amerikanische Militärs, Standort der Bereitschaftspolizei Hessen sowie Irish Pub. Jetzt werden Café, Kunstatelier und Zigarrenmanufaktur einziehen. Das Konzept vereinigt Kunst, Kultur, Gastronomie und Verkauf. Denn laut Projektleiter Frank Ganther sollen gut erhaltene Möbelstücke und Designgegenstände zum Verkauf angeboten werden.
Kai Benecke wird mit seiner Hanauer Veranstaltungsagentur biggcompany Kulturveranstaltungen im Brockenhaus organisieren. Räume und Service bieten sich außerdem für private Feierlichkeiten und Tagungen an. Das Behinderten-Werk stellt an über 45 Standorten im Main-Kinzig-Kreis Angebote für Menschen mit Behinderung zur Verfügung. Das neue Konzept lehnt sich an die Tradition der so genannten „Brockenhäuser“ an. Deshalb trägt die Villa den Namen „Brockenhaus Hanau“.
„Unser Ziel ist es, Arbeitsplätze für rund 30 Menschen mit Behinderung zu schaffen – und einen attraktiven Kultur- und Erlebnisraum für alle Interessierten“, unterstreicht BWMK-Vorstandsvorsitzender Martin Berg. Die Villa mit ihren herrlichen Räumen sei ein idealer Ort für Kunst und Kultur. Auch der Genuss werde nicht zu kurz kommen, verspricht Berg. Das Café mit seiner großen Terrasse sowie Plätzen im Garten der Villa bietet obendrein einer Kaffeeröstmaschine Platz. So können die Gäste den frisch gerösteten Kaffee auch mit nach Hause nehmen.
Im Kunstatelier im oberen Stockwerk des Brockenhauses entfalten Menschen mit Behinderung ihre künstlerischen Talente und erweitern ihre Kenntnisse. Begegnung und Austausch liegen Martin Berg in diesem Bereich am Herzen: „Natürlich wollen wir die Kunsträume für die Bevölkerung öffnen und zum Beispiel gemeinsame Seminare oder Workshops anbieten.“
Mit der Zigarrenmanufaktur knüpft das BWMK an eine alte Tradition an Main und Kinzig an. Diese Branche blühte einst in der Region und ist obendrein eng mit den Anfängen der Arbeiterbewegung in Deutschland verbunden. Autorinnen des Archivs Frauenleben im Main-Kinzig-Kreis haben die Geschichte der Zigarrenarbeiterinnen für ihr Buch „Blauer Dunst und flinke Finger“ zusammengetragen. Sie wollen sich an der Gestaltung einer Ausstellung im Brockenhaus beteiligen.
Es ist geplant, Café und Kunstatelier noch in diesem Winter zu eröffnen. Der Gebrauchtwarenverkauf und die Zigarrenmanufaktur sind noch in der Konzeptionsphase und werden im Lauf des kommenden Jahres starten.
Die Bezeichnung Brockenhaus geht auf das Bibelzitat in Johannes 6;12 über die Speisung der 5000 zurück. Danach sprach Jesus zu den Jüngern: „Sammelt die übrig gebliebenen Brocken, damit nichts verloren gehe.“ Brockenhaus oder „Brockenstube“ ist in der Schweiz seit Ende des 19. Jahrhunderts eine Bezeichnung für Gebrauchtwarenläden (Second-Hand-Läden), in denen Waren zum Kauf angeboten werden.
Zunächst gründete die Heilsarmee die Brockenhäuser. Das ursprünglich karitative Konzept sieht vor, dass die Ware zumeist kostenlos (beispielsweise aus Haushaltsauflösungen) an die Brockenhäuser abgegeben werden.
Das BWMK interpretiert dieses Konzept neu, um rund 30 Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung zu schaffen und für die Kunden des Brockenhauses Hanau gleichzeitig ein interessantes Angebot bereitzuhalten. Künftig werden laut Projektleiter Frank Ganther in der Abteilung „Möbel und Design“ ausgesuchte Stücke zum Verkauf angeboten.
Das Brockenhaus in der Lamboystraße 52 wird in den Bereichen Verkauf, Café, Kunstatelier und Zigarrenmanufaktur verschiedene Arbeitsplätze und Qualifizierungsmöglichkeiten für Menschen mit Behinderung zur Verfügung stellen.
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